Der Seelsorger

Kelch und Messbuch des hl. Vinzenz Pallotti

1818 wird Vinzenz Pallotti in der Lateranbasilika zum Priester geweiht. Er hatte nie einen anderen Berufswunsch. Eucharistiefeier, Predigt, Exerzitien: die Menschen spürten, dass sein "Innen" größer war als all sein "Außen".

Vierzehn Jahre ist er als Spiritual in zwei bedeutenden Seminaren in die Priesterausbildung eingebunden. Bei der internationalen Studentenschaft Roms lernt er so die Weltkirche mit ihren Sorgen und ihren Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennen. Die Kirche entdeckt damals neu ihren missionarischen Auftrag. Und aus aller Welt - auch aus Deutschland - erreichen ihn Briefe seiner ehemaligen Studenten, die ihn immer noch um Rat fragen. Vinzenz Pallotti denkt über die Grenzen seiner Stadt hinaus.

Er ist und bleibt immer Seelsorger. Darum hat er ein feines Gehör nicht allein für die soziale, sondern auch für die geistige und geistliche Not des Menschen. Hier tut sich ein Phänomen auf, das heute Staunen macht. Der zierliche Priester war ein gesuchter Beichtvater. Jemand schrieb damals: "Die Leute kamen zu ihm wie die Fliegen zum Honig." In der Kraft seiner Persönlichkeit konnte er den Menschen Angst nehmen. In der Kraft seines Priestertums konnte er Menschen die Schuld nehmen. Die Marktfrau, der Schreinergeselle, auch Kardinalstaatssekretär Lambruschini: sie alle standen da und warteten vor dem Beichtstuhl, bis sie an der Reihe waren.

Durch und durch römischer Kleriker wusste Vinzenz Pallotti, dass Kirche nicht Selbstzweck ist, sondern einen Auftrag hat: sie ist Zeugin, Hinweis, Sakrament der befreienden Begegnung von Gott und Mensch. Sie ist Botin des Evangeliums Jesu Christi. Sie ist Hüterin der ewigen Wahrheit, dass alle Menschen Töchter und Söhne Gottes sind, ihm ebenbildlich, und dass sie darum eine unverfügbare Würde haben. So dankbar er für seine Berufung zum Priester war - er liebte seine konkrete Kirche - so sehr nahm er die Berufung aller Christen zum Kirche-Sein ernst. Und das spürten die Menschen, dass er sie ernst nahm.

Die Uhr Pallottis, die sogenannte LeidensuhrDie eigentliche Ausstrahlung und Wirkung Vinzenz Pallottis ist nicht so sehr in seinen Ideen oder Aktivitäten zu suchen, sondern in seiner Person. Vinzenz Pallotti war eine glaubwürdige Persönlichkeit. Er wollte weder Rang noch Titel. Vinzenz Pallotti war immer "nur" Priester. Und er war es gerne. Im schwarzen Talar ging er durch die Gassen. So kannten ihn die Leute. So mochten sie ihn, weil sie spürten: er nimmt uns in unserem Alltagsleben wahr, er nimmt uns ernst. So erinnerte er sie - überwiegend durch sein bloßes Dasein - mitten in ihren Alltagssorgen und Alltagsfreuden an Gott, Anfang und Ziel des Lebens.

Vinzenz Pallotti ist dabei unpolitisch. In Rom standen sich damals Anhänger des Kirchenstaates und Kämpfer für die italienische Einigung unversöhnlich gegenüber. Von Pius IX. erhofften sich viele politische Änderungen, demokratische Freiheiten. Vinzenz Pallotti kannte den Papst aus gemeinsamen Studentenzeiten. Damals engagierten sie sich an Santa Galla für Obdachlose und Arbeitssuchende. Den politischen Neuerungen des Papstes stand Vinzenz Pallotti eher skeptisch gegenüber. Der Kaufmannssohn ist seltsam unpolitisch. 1795 geboren, wuchs er mit dem bedrohten Kirchenstaat auf. Dass der Papst nach 800 Jahren Kirchenstaat nur noch Bischof, nicht mehr Fürst sein sollte, das konnte er sich nicht vorstellen. Alles Neue durchfegte mit einer Blutspur die Ewige Stadt - ob im Namen Napoleons, Metternichs oder Garibaldis. Das sollte Lebensqualität und Freiheit sein?

Schirm, Handschuhe und Hut des nimmermüden Heiligen

So scheinbar taub er für die Politik des Risorgimento in Italien war, so hellhörig, sensibel und aufmerksam war er gegenüber der Not der Menschen in den Straßen seiner Stadt und draußen in der Campagna. Da konnte er sich stark machen und einsetzen. Die guten Hände des kleinen Abbate kannte jeder Bettler zwischen Kapitol und Engelsburg, Spanischer Treppe und Sta. Maria in Trastevere. Wenn er durch die engen Gassen der Altstadt ging, begegnete er dem Leid seiner Zeit. Er hörte den Kummer in den Familien, die Geldsorgen. Er hörte die Kranken in den Hospizen, die Gefangenen in den Gefängnissen. Er hörte die letzten Worte von zum Tode Verurteilten. Sein soziales Engagement ist unbeschreiblich.

Wie brachte er all die Zeit und Kraft auf? Er organisierte handwerkliche Bildung, kümmerte sich um Arbeitsplätze. Er bringt Menschen zusammen. Ob im Sozialen oder im Religiösen - er trennt das nicht -, für Vinzenz Pallotti ist das Miteinander typisch. Als 1837 Rom von der Cholera heimgesucht wird, organisiert Pallottis Vereinigung des Katholischen Apostolates spürbar Hilfe. Das macht Eindruck. Nachfolge Jesu ist gelebte Nächstenliebe.

Die Person Vinzenz Pallottis ist nicht verstehbar ohne seine konkrete Liebe zu den Menschen seiner Stadt, zu den Menschen, von deren Not er hörte und las.