Der Gottsucher

Die römische Kirche Spirito Santo dei Napolitani. Hier befand sich die erste Niederlassung der Vereinigung des Katholischen Apostolates.

Von Kindheit an weiß sich Vinzenz Pallotti in Gott geborgen. Geradezu unbekümmert nimmt er in seiner siebenköpfigen Familie, die in der Via del Pellegrino Nr. 130 einen Lebensmittelladen unterhält, den Glauben an den dreifaltigen Gott in sich auf. Von klein auf betet er gerne, liebt er die Liturgie der Kirche. Er schätzt die Stille. Er kann staunen, dass der unendliche Gott die Nähe des Menschen sucht. Er kann aber auch erschreckt zurückweichen: Genüge ich denn dem Anspruch Gottes an mich? Er kommt sich manchmal vor wie der weggelaufene Sohn im Gleichnis vom barmherzigen Vater. Und dann kann er sich fallen lassen in die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Vinzenz Pallotti mit Gott umgeht, ist heute kaum nachvollziehbar. Bekannt ist, dass er gleichzeitig Ferne spürt und sich immer neu fragt: "Mein Gott, wer bin ich, und wer bist du?" Diese Frage durchzieht seine geistlichen Tagebücher wie ein roter Faden. Und sie bleibt eine offene Frage bis zuletzt. Denn Antwort hieße Vollendung, Himmel. Das Leben auf der Erde aber ist Glauben. Und Glauben heißt Warten können, Aushalten können, Suchen, auf dem Weg bleiben. Immer wieder kniet Vinzenz Pallotti vor dem Tabernakel und blickt in das eigene Herz, um seine Sehnsucht nach dem Unendlichen wach zu halten. Das hilft ihm, der einen franziskanischen Lebensstil pflegt, das "Gott in allem finden" des Ignatius von Loyola zu leben.

Er lebt Nachfolge Christi als Jugendlicher, als Theologiestudent, als Priester in der Jugendarbeit, in der geistlichen Begleitung, in der Erwachsenenbildung, in der Organisation seines Werkes. Darum ist ihm die Lesung der Heiligen Schrift eine Selbstverständlichkeit, das persönliche Gebet, der Blick auf das Bild des Gekreuzigten, die Feier der Eucharistie, die Anbetung vor dem Sakrament des Altares. Das alles wird nicht zu einem fromm ritualisierten Tagesraster. Vinzenz Pallotti lebt spontan aus den Kräften seines Herzens. Er ist durch und durch Italiener, der Vater kommt aus Umbrien, die Mutter aus Rom. Der zweifache Doktor, der Lehrbeauftragte an der Sapienza-Universität weiß zwar den Verstand anzuwenden in der theologischen Disputation, doch für das alltägliche Leben des Seelsorgers ist das Herz wichtig. Und das lebt aus einer großen Verehrung dessen, den Gott nicht im Tod des Karfreitags beließ, den er in der Sonne des Ostermorgens auferweckte. Um diesen lebendigen Jesus kreist die Spiritualität Vinzenz Pallottis. Er weiß, dass wir ohne diesen "Apostel des Vaters", wie er ihn gerne nennt, nicht um die ewige Liebe des Schöpfers wüssten. Und er wusste und lebte, was Johannes Paul II. unübertroffen formuliert hat: "Der Weg der Kirche ist der Mensch." Letztes Zeugnis dieser Haltung: An einem regnerisch kalten Tag überlässt Vinzenz Pallotti einem frierenden Bettler seinen Mantel und holte sich jene Krankheit, die am 22. Januar 1850 zu seinem Tode führte. Jetzt durfte er den unendlichen Gott schauen.


Gottes Unendlichkeit hatte schon den Studenten fasziniert. Diese Faszination blieb ein Leben lang. In Briefen und Tagebuchnotizen malt er das Unendlichkeitszeichen, die liegende Acht, wenn er sich vertrauend und zögernd zugleich in dieses große Geheimnis hineinbetet.

Maria, die Mutter Jesu, ist ihm treue Gefährtin auf seinem Weg. Das ist irgendwie typisch italienisch, und doch mehr. Der Geist und Maria sind Eckdaten der Spiritualität Vinzenz Pallottis. Er bewundert die Offenheit Marias für den Geist Gottes. Ihr Ja zu ihrer Berufung ist Vorbild für alle Getauften. Und: Maria wird im Pfingstsaal "Königin der Apostel". Die Mystik Pallottis ist immer eine aktive; seine Marienverehrung ist kirchenpolitisch. Das heißt: Alle sind zum Apostolat berufen. Die, die nie Apostel war, wird "Königin der Apostel" genannt. Seinen Glauben ernst zu nehmen, bedeutet, ihn auszustrahlen, heißt, missionarisch zu sein.

Man kann die Person Vinzenz Pallottis nicht verstehen ohne seine religiöse Ergriffenheit, seine Fragen, auch seine Ängste, seine Freude am Himmlischen, seine Gottesselbstverständlichkeit und seine Christusmystik, sein Greifen ins Unendliche und seine tiefe Innerlichkeit.