Die Organisationisidee

Neben die unterschiedlichen Formen der Zugehörigkeit tritt in der Vorstellung Vinzenz Pallottis eine neue Organisationsform. Der Mystiker lässt sich ansprechen von den Schriften der spanischen Mystikerin Maria von Agreda. Und er ist fasziniert vom Zönakulum, dem Bild des Obergemachs, in dem die junge Christengemeinde nach der Himmelfahrt Jesu den Heiligen Geist erwartet. Er sieht Maria, die Königin der Apostel, mit den Jüngerinnen und Jüngern im Geist vereint. Sie bitten um die Gaben des Geistes, sie wachsen in Glauben und Liebe, sie lassen sich vom Geist senden. Dabei verteilen sie - so die Schau der Maria von Agreda - geleitet vom Geist Gottes ihre Wirkungsfelder; sie gehen hinaus, um zu verkünden, und sie kehren zurück, um in der Gemeinschaft neue Kraft zu finden. Aus dieser immer neuen Sammlung und Sendung erhält ihr Tun seine Wirksamkeit.

Vinzenz Pallotti fand in dieser Vorstellung die Antwort auf ein großes Übel, das er in der Kirche seiner Zeit erlebte. Denn er litt unter dem Konkurrenzdenken und dem gleichgültigen Nebeneinander, das viele Bereiche der Kirche durchzog und ihre Sendung schwächte. Es konnte doch nicht darum gehen, dass diejenigen, die innerhalb der Kirche die Sendung Jesu fortführen wollten, darauf bedacht waren, eigene Bereiche gegenüber anderen abzustecken und abzusichern. Vielmehr sollten sich doch alle als Teilhaber der einen Sendung erleben, die die Kirche von Jesus Christus her empfangen hat. Ein großes Miteinander sollte den apostolischen Einsatz der Kirche prägen und wirksam machen. Von Anfang an ist daher das besondere Kennzeichen der Unio das gemeinsame Vorgehen: das Zusammenwirken der Mitglieder, das Zusammenwirken mit anderen Menschen und Organisationen in gemeinsamen Aufgaben und das Zusammenwirken mit den Adressaten des Apostolates. Denn auch diejenigen, für die sich die Vereinigung in ihren Aufgaben und Werken einsetzt, sollen nicht bloß passive Empfänger sein, sondern zu Mitwirkenden werden.

Nun entwirft Vinzenz Pallotti nach dem Leitbild des Zönakulums die Ideen der so genannten Prokuren, die dem Zusammenwirken in besonderer Weise dienen sollen. Denn als Apostolatsausschüsse sollen sie helfen, das Apostolat der Kirche zusammenzuführen, indem sie Raum geben für gemeinsame Planung, Durchführung und Organisation in den verschiedenen Bereichen des Apostolates.

Auch wenn der großangelegte, weltumspannende Traum Pallottis nur in kleinsten Ansätzen zur Verwirklichung kam: das Miteinander im apostolischen Tun zeichnet seine Vision aus. Danach versuchen die Mitwirkenden gemeinsam den Willen Gottes zu erkennen, der durch alle und in allem zu ihnen spricht. Gemeinsam ergreifen sie apostolische Initiativen zur Verbreitung des Glaubens. Sie bemühen sich, für die Mitarbeit möglichst viele zu gewinnen, die beten und sich gemeinsam für die größere Ehre Gottes und die Evangelisierung aller Menschen einsetzen. Sie sind offen für alle Berufungen und Gemeinschaften. Sie sollen nach der Idee Vinzenz Pallottis alle Katholiken, ja alle Menschen ermutigen, mit Gott und untereinander zum Wohl der Menschen zusammenzuwirken. So sollen sie sich für das ganzheitliche Wohl des Menschen einsetzen.